Rede zur Eröffnung der Ausstellung mit Malerei von Edith Oellers
Buch- und Kunstkabinett Konrad Mönter, Meerbusch-Osterath
Donnerstag, den 28.April 2011, 19 Uhr
Ein unfertiges Bild darf ich sehen. Gleich zu Beginn. In Edith Oellers' Reisholzer Atelier.
Eine Reihe von Frauen kommt auf mich zu, Frauen aus unterschiedlichen Gegenden der
Erde. Die sich auf einer alten, gewachsenen Großstadtstraße begegnen könnten, wie ich
sie im Hintergrund der Frauen entdecke. Mit den kahlen, gestutzten, knorrigen Köpfen
alter Platanen am Rande. In Belgien mag es sein, tippe ich. Und habe Recht. Von vielen
Brüchen wechselnder Zeitläufte ist solch eine Strassenansicht geprägt. Und einer Unterströmung
ehemaliger architektonischer Herrlichkeit. Einheimische und Zugereiste könnten
die Frauen sein, Flüchtlinge, Asylsuchende, Studierende, Gastarbeiterinnen. Das normale
Miteinander und Durcheinander einer multikulturellen Gesellschaft.
Normal wäre ein Vorübergehen, eine flüchtige Begegnung. Diese Frauen gehen aber auf
mich zu, in einer Art Reihe. Als ob alle vom gleichen Appell beseelt wären. „Lange habe
ich an dem Rhythmus der Füße gearbeitet“, sagt die Malerin, „bis sich eine Art Tänzchen
entwickelte.“ Denn dies ist es geworden. Kein Marschieren, wie auf einem sozialistischen
Propagandabild, das die fröhliche Solidarität der Massen beschwört und bildlich frech
behauptet. „Vielleicht kennst Du das langgestreckte Querformat des Italieners Felipe
Pelliza da Volpedo“, gibt mir Edith Oellers zu denken und ruft das eindringliche Bild mutig
voranschreitender Männer in mir hervor. Ja, ich kenne es. Männer des Volkes, die
aufbegehren, die gemeinsam beginnen, ihre Rechte einzufordern – ein Bild aus dem
späten neunzehnten Jahrhundert. Keine Demonstration im heutigen Sinn, sondern das
Heraustreten einer Gruppe aus der Passivität, aus der Erniedrigung und Entrechtung. Die
Geburt von Selbstbewußtsein, eines gemeinsamen Gefühls von Würde.
„Ja, schon,“, möchte ich einwenden, „ich begreife, was Dir Anstoß für Deine Bildidee
gewesen ist , aber bei Dir tun sich keine Frauen zusammen. Sie ziehen nicht im
gemeinsamen Willen voran, um ihre Rechte einzufordern.“ Es ist mehr eine
Schicksalsgemeinschaft, die das Gehen der Frauen parallelisiert und vereint. Denn schaut
man genau hin, so sieht man, dass die gezeigte Realität nicht homogen ist. Edith Oellers
illusioniert für uns kein Ereignis. Sie fügt vielmehr Bildteile zu einem gedanklichen, nicht
körperlichen und räumlichen Zusammenhang.
Nichts scheint ihr ferner zu liegen, so scheint mir, als Pathosformeln. Das von ihr
geschilderte Leben, ob in diesem oder in anderen Bildern, kommt ohne jegliches Pathos
aus. Nicht der außergewöhnliche Moment ist ihr Thema, das Herausgehobensein aus dem
Alltag, die Verzückung, die Emphase, der Triumph. Edith Oellers' Menschen finden ihre
Würde im Alltäglichen, im Normalen. Soweit sie auch gereist sein mag, wo sie auch
Menschen begegnet ist und diese als Motive für ihre Bilder gewählt hat. Nie verfällt sie in
die Faszination des Spektakulären, des Exotischen. Immer sind es Mit-Menschen,
versunken in der Relativität der Alltäglichkeit ihres Tuns, uns nah, uns verwandt. In diesem
Sinn sind die dargestellten Frauen einander nah, und nicht, weil sie wirklich in einer Reihe
gehen. Sie sind sich nah in ihrer Existenz, in ihren Erfahrungen, Bedürfnissen und
Wünschen.
Hat man mehrere Bilder der Malerin betrachtet, so fällt auf, wie unaufdringlich die
Menschen immer wieder dargestellt sind, wie sehr ihre Präsenz, ihr Handeln aufgeht im
weitaus größer geschilderten Umraum. „Nicht so wichtig genommen“ wirken sie alle. Als
Einzelne nicht so wichtig genommen, dabei aber mit großer Andacht, Rücksicht und
Fürsorge gestaltet.
Als heilsam empfinde ich die stille Botschaft, die für ein menschliches Miteinander von
dieser Bildwelt, von dieser Kunst, ausgeht. Eine Botschaft gegen den common sense der
Zeitläufte, der jeden Einzelnen schon als Kind zum kleinen Herrscher macht, uneinsichtig
für den Wert des Selbstverzichts für ein funktionierendes Gemeinwesen. Wenig vertraut
aber auch mit dem Gedanken, dass jedem, wie er auch sein mag, eine natürliche Würde
zukommt, die Achtung gebietet. Diese Achtung vor der Würde eines jeden Mitmenschen,
ohne Ansicht seiner Leistungen, ist es, was ich in den Werken der Malerin immer wieder
formuliert sehe. Umso verständlicher, dass sie schon mehrfach gebeten wurde, Bildwerke
für kirchliche Zusammenhänge zu gestalten.
Wie die biblischen Geschichten voll sind von Menschen, die zweifeln, die vom guten Weg
abkommen, die fehlen, den Glauben verlieren und sündigen, so ist Edith Oellers von
Kindesbeinen an voller Geschichten über Menschen wie Du und ich, die ihr eine Flut von
Bildern erzeugen. In der Grundschule gar mahnte man an, sie habe zuviel Geschichten im
Kopf, und könne deshalb nicht pflichtgetreu dem Unterricht folgen. Gelesenes und
Gesehenes nähren die Bildgeburten in ihrem Kopf. „Mit den Augen in fremden Welten
spazieren gehen“, nennt die Malerin den Hauptgrund für ihre Lust am Reisen. „Ich muß
mir etwas ausmalen dürfen, um malen zu können“, fährt sie fort. Reisen kann sie jedoch
nicht nur in fremde Länder, sondern auch in die Vergangenheit. Und so ist ihr der große
Bilderschatz vertraut, an dessen Herstellung Künstlerinnen und Künstler Jahrhunderte
lang vor ihr gearbeitet haben, an der Herausbildung sinnfälliger Motivkomplexe. Wie wir es
eben beim Bild von Volpedo gesehen haben. „Für mich ist solch ein Bild wie ein Guckloch
in eine nicht mehr existente Welt“, sagt Edith Oellers dazu.
Um über Gesehenes jederzeit verfügen zu können, bedient sich die Künstlerin der
Fotografie. Und hat sich mit der Zeit ein umfassendes Bilderrepertoire, ein lebendiges
persönliches Bilderarchiv aufgebaut. Denn es beinhaltet nur Aufnahmen von Menschen,
Räumen und Dingen, die die Künstlerin mit eigenen Augen gesehen und erlebt hat. Ihre
Fotografien sind jedoch nur Rohmaterial für ihre Tafelbilder, gewinnen nie selbst den
Charakter autonomer Werke. Sie entstehen im Hinblick auf Malerei, als eine Art Zitatbaukasten.
Neben der Fotografie ist das langjährig kontinuierlich betriebene Aktzeichnen eine weitere
vorbereitende Übung für die Malerei, eine Übung, um Körpergefühl einzuüben. Denn Edith
Oellers bedient sich zwar der Fotografie als Einstieg in die Darstellung von Personen –
auch um sich immer wieder an Alltags-Realität zu orientieren und nicht in persönliche
Darstellungstopoi abzugleiten – sie meidet aber jeglichen Schnappschußeffekt. Und so
überformt sie die im Moment verhaftete Darstellung der Figuren in der fotografischen
Vorlage, um eine Qualität des „länger Dauernden“ herauszuarbeiten. Immer wieder erlebt
sie ihr künstlerisches Tun als ein Durchdringen des äußeren Anscheins hindurch auf eine
allgemeingültige Realität, aber auch hindurch auf Malerei selbst. „Meine Malerei ist ein
Prozess, ein Prozess des Verwandelns des Gesehenen und Fotografierten in Malerei
selbst.“, formuliert die Malerin, „Und dabei spielt Sorgfalt eine große Rolle. ...
... Ungern male ich übrigens nach Fotos von Menschen, die ich kenne. Ich brauche Leute,
die wandelbar sind. Mit dem Abbild vertrauter Personen könnte ich nie so frei umgehen,
um sie in einen Kontext von Malerei einbetten zu können. Von ihnen kann ich nur Portraits
anfertigen. Denn hier entwickele ich das Umfeld aus der Darstellung der Individualität des
Dargestellten heraus.“
Edith Oellers' Bilder erzählen von China und Japan, Afrika und Italien. Von Orten, wo sie
selbst sein durfte. Von Menschen, denen sie persönlich begegnen konnte. „In meinem
Inneren trocknen die Geschichten ohne neue Bilder aus.“, erzählt sie anschaulich, „Ich
muß immer wieder neu und anders sehen, wie andere Menschen leben, muß vor allem
beobachten, was sie mit Dingen tun. Denn mich interessiert besonders, was man „Kram“
nennen könnte, was die alltägliche Dingumgebung der Menschen ausmacht. Und in
welchem Verhältnis dieser „Kram“ zum Menschen steht. Über den „Kram“ erfährt man viel
vom Menschen.“
Und so treten neben die Darstellung des Menschen der Raum und vor allem die Dinge,
denn Edith Oellers' Bilder sind assoziativ zusammengefügt, ohne ein homogenes Ganzes
bilden zu wollen. Als ob sie der Einheit der Darstellung mißtraut, ja sie eher für unmöglich
hält, umgeht sie die vollkommene Einbettung ihrer Figuren in den Umraum.
Raumfragmente, Figurenzitate und Dingmotive sind nur in der Realität des Bildes vereint.
Sie sind „in Beziehung gesetzt“, doch nicht illusionierend „im Zusammenhang“ dargestellt.
So wachsen die Bilder langsam im Prozess der Malerei. Motive, die gefallen, werden
erprobt, jedoch wieder getilgt, wenn sie, wie die Malerin sagt, im Bildzusammenhang „nicht
funktionieren“. „Einmal habe ich mich längere Zeit mit der Bluse einer Frau gequält, kann
man fast sagen. Sie wollte und wollte nicht ins Bild passen. Bis ich auf die Idee kam, eine
meiner Töchter zu bitten, für mich in gleicher Weise wie die Bildfigur mit einer anderen
Bluse Modell für ein Foto zu stehen. Und siehe da, es klappte. Die Bluse ist da und
bereichert nun endlich das gesamte Bildgeschehen – nur die Tochter ist weg, denn sie war
ja unwichtig.“
In ihren Brüchen und Perspektivsprüngen scheint mir die Modernität dieser Malerei zu
liegen. Immer wieder muß ich in diesem Zusammenhang an Eduard Manets „Frühstück im
Grünen“ denken, wo angezogene Männer und nackte Frauen im Bois de Boulogne zu
lagern scheinen, es aber im Bild nicht wirklich tun. Gemalt ist nur eine gewagte
Vorstellung, geschildert keine wirkliche Genreszene.
Um den Zauber der Illusion zu brechen, setzt Edith Oellers neben den Bruchlinien im
Dargestellten auf die Kraft der Malerei selbst. Weit spannt sie den Bogen zwischen einer
Feinmalerei, die mit großer Sorgfalt die fast magische Präsenz von Dingen, von „Kram“,
evoziert, bis zur gegenstandslosen freien Entfaltung der malerischen Mittel selbst. Bei aller
Schilderung sind ihre Bilder immer auch ein Stück autonomer Malerei.
Viele der heute hier zu sehenden Bilder zeigen die Bedeutung von „Alltagskram“ in Edith
Vorstellungs- und Bildwelt. „Dinge können Leute ersetzen.“, reflektiert die Malerin ihre
Erfahrungen. „Wenn ich sie mit großer Sorgfalt darstelle, gewinnen sie an Präsenz und
stechen fast aus den Bildern heraus.“ Am Ding entdeckt die den Wert des Einfachen.
„Was heißt schon „kostbar“.“, fragt sie sich. „Ein Ding mag als kostbar gelten, weil man
einen hohen Preis dafür zahlen muß. Doch im Geschehen des Alltags verliert es diese
Kostbarkeit, da sein Gebrauchswert minimal ist. Das von uns gering Geschätzte, leicht
Übersehene, mag dagegen im alltäglichen Lebensvollzug eine zentrale Stellung erhalten.
Und damit auch eine Schönheit. Z.B. kommt einem einfachen Plastikstuhl in der Dritten
Welt ein hoher Wert zu. Oder einer einfachen Plastikflasche, die bei uns nur ein
Wegwerfartikel ist“, erläutert mir die Künstlerin. „Und diese Schönheit durch Malerei
erlebbar zu machen, ist für mich eine große Herausforderung.“
Letztendlich versucht die Malerin ihre Bilder „zwischen den Polen des Greifbaren und des
Ungreifbaren aufzuspannen“, wie sie es selbst formuliert. Was sie mit den Räumen,
Menschen und Dingen auf der einen Seite und mit all ihrer Malerei auf der anderen Seite
zu fassen sucht, ist doch letztendlich das Rätselhafte unserer Existenz.
Und dem können Sie sich nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, betrachtend
nähern. Wozu ich Ihnen viel Freude wünsche und mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit
bedanke.
Thomas Brand